Therapietreue

Der Erfolg einer Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einer der Erfolgsfaktoren wird durch den Begriff Therapietreue beschrieben.

|Überforderte Patienten|
Insbesondere ältere Menschen sind oftmals auf eine Langzeit- oder Dauertherapie angewiesen und müssen regelmäßig mehrere verschiedene Medikamente einnehmen. Bei ihnen liegen die Gründe mangelnder Therapietreue häufig in einer Überforderung oder schlichter Vergesslichkeit.

Therapietreue, als Fachbegriff wird häufig das englische Wort Compliance verwendet, meint vornehmlich das Mitwirken des Patienten am Gesundungsprozess und seine Bereitschaft, den ärztlichen Anweisungen und Empfehlungen zu folgen. Dazu gehören beispielsweise die gewissenhafte Einnahme der verordneten Medikamente, das Befolgen einer Diät oder die erforderlichen Veränderungen des Lebensstils. Der Arzt kann einiges dazu beitragen, dass sein Patient sich an den angeordneten Therapieplan hält. Grundlage ist das vertrauensvolle Gespräch und die gute Aufklärung über den Gesundheitszustand und die Therapieziele. Darüber hinaus sollte der Arzt bei der Festlegung der Behandlungsmaßnahmen stets die Möglichkeiten und persönlichen Lebensumstände des Patienten berücksichtigen.

Woran Therapietreue scheitern kann

Viele von Ihnen kennen es vielleicht aus eigener Erfahrung: Sie haben – unter Umständen von mehreren Ärzten – ein ganzes Sortiment an Medikamenten verschrieben bekommen, die jeweils zu unterschiedlichen Zeiten und in speziellen Dosierungen eingenommen werden müssen. Damit der Therapieplan auch wirklich exakt eingehalten wird, erfordert es Übersicht und Disziplin. Es verwundert also nicht, dass Abweichungen vom Therapieplan vermehrt dann auftreten, wenn besonders viele Medikamente eingenommen und komplizierte Anweisungen befolgt werden müssen. Überforderung, Vergesslichkeit, Verwirrung, aber auch Missverständnisse zwischen Arzt und Patient sind wichtige Ursachen für mangelnde Therapietreue, die ganz ohne Absicht erfolgt.

|Medikamente richtig einnehmen|
Bei der Arzneimitteltherapie müssen Patienten die folgenden Vorgaben beachten:
  • das richtige Medikament
  • in der richtigen Dosierung
  • zum richtigen Zeitpunkt

Es gibt allerdings auch Patienten, die bewusst ihre Medikamente nicht wie verordnet einnehmen. Einige dieser Patienten sehen keine Notwendigkeit dafür, sie sind von der Ernsthaftigkeit ihrer Erkrankung nicht überzeugt oder misstrauen der Diagnose. Andere zweifeln an der Wirksamkeit einer Therapie oder fürchten die möglichen Nebenwirkungen eines Medikaments mehr als die Folgen der unbehandelten Krankheit. Manche lästigen oder umständlichen Therapieformen fallen auch der Bequemlichkeit zum Opfer.

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Mangelnde Therapietreue und die Folgen für die Gesundheit

Beispiele aus der Praxis

Durch die Nichteinnahme notwendiger Medikamente kann es - gerade bei chronischen Erkrankungen - bereits sehr kurzfristig zu gesundheitlichen Störungen kommen. Erheblich sind jedoch die Konsequenzen, die bei länger anhaltender nicht ordnungsgemäßer Einnahme drohen.

  • Beispiel 1: Rheuma
    Patienten, die unter Rheuma leiden, spüren zumeist sehr schnell, wenn sie die Medikamenteneinnahme vernachlässigt haben. Schmerzen, Schwellungen und Gelenkergüsse sind die direkten Folgen. Langfristig kann es zu einer Versteifung der Gelenke mit Fehlstellungen kommen sowie infolge der chronischen Entzündungen sogar zu einer schleichenden Zerstörung der betroffenen Gelenke.
  • Beispiel 2: Deppressionen
    Depressive Patienten neigen dazu, ihre Medikamente wegzulassen, solbald es ihnen etwas besser geht. Doch damit riskieren sie einen Rückfall in die Depression, was sich anfangs durch innere Unruhe, Schlafstörungen oder Antriebslosigkeit bemerkbar macht. Im weiteren Verlauf kann eine schwere Depression folgen. Der Patient zieht sich immer stärker zurück und verliert möglicherweise die Fähigkeit, am normalen Alltag teilzunehmen.

Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass sie ihrer Gesundheit dauerhaft Schaden zufügen, wenn sie die Behandlungsempfehlungen des Arztes missachten und die verordneten Medikamente nicht nach Anweisung einnehmen. Die Arzneimitteltherapie ist jedoch ein ganz wesentlicher Bestandteil der modernen Medizin. So könnte die überwiegende Mehrheit aller Erkrankungen ohne den Einsatz von Medikamenten kaum erfolgreich therapiert werden.

Viele Medikamente haben einen sehr sensiblen Wirkungsbereich. Das heißt, sie müssen möglichst genau und individuell dosiert werden, da eine Über- oder Unterversorgung den gesamten Therapieerfolg gefährden kann. Nicht nur, dass sich in vielen Fällen der Gesundungsprozess verzögert. Das Risiko, dass Komplikationen auftreten oder es zu einem heftigen Rückfall kommt, steigt erheblich. Auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen treten vermehrt auf, wenn die Dosierungs- und Einnahmevorgaben nicht beachtet werden.

Insgesamt kann das oftmals nachlässige Verhalten bei der Einnahme von Medikamenten zur Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustands führen, das Auftreten von Folgeerkrankungen begünstigen und sich damit dauerhaft auf die Lebensqualität auswirken. Krankenhausaufenthalte und die Notwendigkeit einer dauerhaften Pflege zählen zu den schwerwiegendsten Folgen mangelnder Therapietreue. Experten kamen im Rahmen einer Studie zu dem Ergebnis, dass sich etwa 5,5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen darauf zurückführen lassen, dass die Patienten vom vorgegebenen Therapieplan abgewichen sind.

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|Medikamente auf dem Müll|
Das Ergebnis einer Untersuchung zum Rücklauf von Arzneimitteln bei Apotheken ist alarmierend:
  • 31 % der zurückgegebenen Packungen waren unangebrochen
  • 34 % der zurückgegebenen Packungen waren nur zur Hälfte verbraucht

Mangelnde Therapietreue – eine Belastung für unser Gesundheitssystem

Nicht allein Gesundheitszustand und Lebensqualität des Einzelnen leiden. Die weit verbreitete mangelnde Therapietreue belastet zudem unser gesamtes Gesundheitssystem. Jedes Medikament, das auf dem Müll landet, kostet Geld, ohne dass es irgendeinen Nutzen hätte. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums werden jährlich rund 4.000 Tonnen verschriebene Arzneimittel im Wert von etwa 500 Millionen Euro weggeworfen.

In noch größerem Umfang schlagen die längerfristigen Folgen zu Buche, die durch falsche Medikamenteneinnahme entstehen: Längere Therapiezeiten, Krankenhausaufenthalte, Notarzteinsätze, Behandlung von Folgeerkrankungen sowie Arbeitsausfälle und frühzeitige Berentungen führen zu einer zusätzlichen Belastung des Gesundheitssystems und der Volkswirtschaft. Eine genaue Summe lässt sich hierfür kaum ermitteln. Nach Schätzungen von Experten belaufen sich die durch mangelnde Therapietreue verursachten Gesamtkosten für das deutsche Gesundheitswesen auf über 10 Milliarden Euro jährlich.

Es ist zu befürchten, dass sich die Problematik in den nächsten Jahren verstärken wird. Die Bevölkerungsentwicklung weist eindeutig darauf hin, dass die Altersgruppe der über 60-Jährigen weiter wächst. Und auch wenn Alter nicht zwangsläufig mit Krankheit verbunden ist, so sind doch ältere Menschen häufiger auf eine Langzeit- oder Dauertherapie angewiesen und müssen oftmals mehr Medikamente einnehmen als jüngere. Viele sind mit dieser Situation überfordert und damit wächst zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Folgen nicht-therapiegerechten Verhaltens weiter verschärfen.

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